Monatsarchiv: Dezember 2007

CNN über die besten neuen Restaurants

Anya von Bremzen beschreibt für CNN die besten neuen Restaurants der Welt und ruft am Beispiel von Carles Abelláns TapaÇ 24 in Barcelona gleich noch einen Paradigmenwechsel in der Gastronomie aus: Zurück zur Einfachheit statt molekulare Küche:

These days the entire planet seems to be abuzz over molecular gastronomy. Spain, meanwhile, having pioneered the trend, is moving on — to ingredient-inspired simplicity.

Wir finden nicht, dass sich das ausschließen muss. Man denke nur an Adriàs Gemüseplatte. Wenn das nicht geschmacklich und visuell praktizierte Einfachheit ist.

Die Foodhacker auf der ETech

Auch auf der vom O’Reilly-Verlag veranstalteten Emerging Technologies-Konferenz (ETech) wird es eine Demonstration zur molekularen Küche geben. Natürlich, wie sollte es anders sein, unter dem nerdigen Schlagwort „food hacking„. Marc Powell wird am 3. März 2008 zu folgendem Thema ein Tutorial abhalten:

Chefs are a lot like hardware hackers. Both geek out, absorbing the specs of (vegetables|technology) for the purpose of creating something that nobody else has: (innovative food|new machines).
Food Hacking is the red-headed stepchild of Molecular Gastronomy. Open source recipe development vs. secret restaurant techniques, hacked hardware vs. expensive science toys. And anybody can do it!
This Hack Lab will explore hacked culinary techniques and demonstrate hacked kitchen appliances. With audience participation, we will spend some time preparing variants of weird food, recording our prep and tasting notes in the Hack Lab wiki.

Hier ein kurzes Video dazu (via):

Marc Powell: Community Building Through Food Hacking
QuickTime | Flash | iPod

by: vPIP
Embed (copy & paste):

Überhaupt meinen wir, dass Marc Powell eine sehr interessante Figur ist. Gelernt hat er bei Heston Blumenthal, jetzt führt er Unicorn Precinct XIII, das einzige „hacker bed and breakfast“ in San Francisco und interessiert sich unter anderem für „open-source recipe development, collaborative food hacking labs, and writing culinary software“. Also nicht nur Verwissenschaftlichung, sondern gar Digitalisierung des Kochens? Wer will, kann sich ja einmal die Rezepte in der foodhacking-Datenbank ansehen, auf das Wiki hatten wir ja bereits hingewiesen.

Kulinarische Buchtipps im Guardian

51vpd1m2l5l_aa240_.jpgWeihnachten rückt immer näher und Genießer („Foodies“) weltweit fragen sich, welche Bücher sie verschenken wollen und welche sie sich wünschen sollen. Paul Levy vom Guardian hat ein paar Ideen („Food books with few or no recipes are this year’s welcome trend“), zu denen natürlich auch ein molekulargastronomisches Werk gehören muss:

Levy lässt sich aber die Gelegenheit nicht entgehen, eine kurze Spitze gegen die Verwissenschaftlichung der Küche zu setzen:

For one thing, there’s too much fructose and dry ice among the ingredients for home cooks to be bothered and too much reliance on digital probes. In Heston’s hands, cooking is rocket science.

Die Gastronomie verlässt die Küche

Marianne Dekeyser (Les Idées qui Parlent) fühlt sich von dieser Zusammenfassung der Küchentrends (hier als pdf) sehr angeregt und sieht die molekulare Gastronomie als mögliche Parallelentwicklung zu der designerischen Umorientierung. Die Grunddimensionen der molekularen Küche – Technik, Kunst und Beziehung – spielen demnach in Zukunft auch im Design eine Rolle, wie man auch an Homaru Cantus Labor sehen kann. Die molekulare Gastronomie lässt sich schließlich auch nicht mehr auf die alte Masche „Essen auf Teller“ reduzieren, sondern nimmt Elemente wie Klang (man denke an Blumenthals Meeresrauschen) oder Pharmakologie (die Experimente mit Nachspeisen, die mit Beruhigungsmitteln versetzt wurden) auf:

Vous y découvrirez que l’univers de la cuisine ne correspond plus tout à fait à ce que l’on met dans l’assiette uniquement mais s’élargit á de nouveaux domaines : Arts de la Table, Equipement de la maison, Loisirs, Santé et Nutrition, Laboratoires pharmaceutiques, Aêrospatiale.

Ancien Régime

Ich bin schon stolz darauf, dass wir in Tirol kein Restaurant haben, das durch seine Molekular-Küche bekannt wird.

sagt Martin Sieberer, 18 Mützen (!) im Gault Millau, Restaurant „Paznauner Stube“, Ischgl, was uns aber verwirrt, da er doch jüngst im Feinschmecker ein Rezept für Oliven-Eis mit Passionsfrucht-Kaltschale veröffentlicht hat …

Der nächste Übeltäter: Sous-vide

Es sind nicht nur die Moleküle, die von den US-Behörden als Bedrohung bekämpft werden, nein, es ist auch die Molekulare Küche selbst. Das Problem: es werden hier Techniken angewendet, die man nicht in der Kochschule lernt und für die es am Ende keine staatlichen Regularien gibt! Da ist es doch logisch, dass Bürgermeister Bloomberg, nach der erfolgreichen Vertreibung der Trans-Fette aus New Yorks Restaurants und dem nimmer müden Kampf gegen unhygienische Küchen auch der Haut-Cusine sich annimmt. Schon aus Proporz.

Also folgt das Verbot des Sous-Vide-Garens: Farewell, French Fries! Hello, Sliced Apples!, wie die NY-Times jammertjubelt

„I guess it will only be a matter of time before Philadelphia’s health department comes up with a similar guideline.“

meint Christopher Lee, executive chef des Striped Bass in Philadelphia (zitiert nach Nation’s Restaurant News)

The Salt Threat

Weiter geht es mit dem nächsten Schurken-Molekül:

Too Much Sodium in Diet Harmful to Americans‘ Health

wissen die ABC-News brand aktuell zu berichten. Und deshalb rückt die US Food and Drug Administration FDA dem Feind des Blutdrucks mit zukünftigen Grenzwerten für Lebensmittel zu Leibe.

American consumers enjoy one of the safest food supplies in the world; however, we know it can be made even safer.

Leider ist eher zu vermuten, dass solche, für kleine und mittelständische Erzeuger nur schwer dokumentierbaren Grenzwerte, wie schon die schwachsinnigen „Nutrition Facts“ nur ein Ziel haben: mehr Konzentration auf die Industrie-Giganten.

Auf jeden Fall entwickelt die Dialektik zwischen Salz-Hass und Salz-Liebe uns wieder einmal den Leitsatz des Good Old Aristotelian Europe: ????? ???????.

Sugar can be intoxicating, similar to alcohol.

Das wars also! Mehr dazu auf der lustigen Aufzählung der 76 hinterlistigen Nebenwirkungen, mit denen Zucker unseren Körper schädigen kann „Counting many ways sugar harms your health“.

Contributed by Nancy Appleton, PhD
Author of the book Lick The Sugar Habit

… und wie man dann den Zucker in die seiner diabolischen Wirkung passende Form bringt, zeigt uns „These Foolish Things“:

Abb. via These Foolish Things

Das riecht wie ein Riesling!

Die Süddeutsche Zeitung berichtet von der Idee von Claus Ruf und Kalli Fichtner, Restaurantchef und Barleiter im Münchener Prinzregent in München, neben der üblichen Weinkarte auch eine Saftkarte anzubieten, auf der verschiedene Weinaromen mit Säften „nachgebaut“ werden:

sueddeutsche.de: Auf welche Kreation sind Sie besonders stolz?
Fichtner: Schwer zu sagen. Edelkirsch und Apfel-Zwetschge ergeben eine phantastische Alternative zu Banyuls (ein Süßwein aus Südfrankreich; Anm. d. Red.). Man wird es nie deckungsgleich schaffen, dazu fehlt der Alkohol.
Ruf: Alkohol ist natürlich viel flüchtiger, deshalb gehen die Aromen schneller in die Nase. Das dauert beim Saft länger, dafür hat man mehr Geschmack im Mund.

Wer weiß, vielleicht gibt es bald zu dem einen oder anderen Gang der molekularen Degustationsmenüs auch mal einen Gewürztraminer aus Birne und Mandarine. (via schreiberswein)

Molekulare Amateure

logo_torontostar.gifZu einem großen Lob der experimentierfreudigen Amateurköche setzt Christine Sismondo in der Onlineausgabe des Toronto-Star an:

It’s always practical and enlightening to read the experts on food and cooking, but rookie foodies are more fun

Als Lektüre empfiehlt sie:

  • Jenni Ferrari-Adler: Alone in the Kitchen with an Eggplant: Confessions of Cooking for One and Dining Alone, eine Anthologie mit Erzählungen rund ums Essen und Kochen von Autoren wie Nora Ephron oder Haruki Murakami.
  • Kathleen Flinn: The Sharper Your Knife, The Less You Cry: Love, Laughter and Tears at the World’s Most Famous Cooking School, ein Einblick in den Werdegang einer Köchin.
  • Adam D. Roberts: The Amateur Gourmet: How to Shop, Chop, and Table-Hop Like a Pro (Almost), in auch die molekulare Gastronomie Ferran Adriàs eine große Rolle spielt:

    Of course, in the midst of all those beachfront tourist traps resides El Bulli – a restaurant in the running for best in the world.
    You simply couldn’t write a book about Spanish food without a chapter devoted to it.
    El Bulli’s chef, Ferran Adrià has been given the full media treatment in recent years, so much so that you’d think the world does not need one more tale of the multi-course deconstructed dinner at the altar of this particular po-mo food god.
    Richardson proves otherwise by applying his thorough, thoughtful story to the entire history, character and experience of the famed restaurant. Save actual first-person dining, Richardson’s account strikes me as about as close an understanding as possible.

  • Und dann natürlich auch noch die Bibel der molekularen Küche: Hervé This: Kitchen Mysteries: Revealing the Science of Cooking, von dem die Journalistin schreibt: „This book should be in every kitchen.“